Pressemitteilung

IGeL-Monitor bewertet Hyaluronsäure-Injektionen bei Knie- und Hüftgelenksarthrose mit „negativ“

Das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors ist erneut der Frage nachgegangen, ob Hyaluronsäure-Injektionen Beschwerden im Knie lindern, die durch Arthrose entstehen. Außerdem hat es erstmals Hyaluronsäure-Injektionen bei Hüftgelenksarthrose unter die Lupe genommen. Der IGeL-Monitor bewertet diese beiden Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) mit „negativ“: Die Injektionen sind mit einem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen verbunden, ohne dass sie einen Nutzen für die Patientinnen und Patienten haben.

Egal, ob Hyaluronsäure-Präparate in das Knie- oder in das Hüftgelenk gespritzt werden – nach vielen Jahren Forschung an tausenden Patientinnen und Patienten steht fest: Diese IGeL können zu leichteren Nebenwirkungen wie Schwellungen, vorübergehenden Schmerzen oder zu Erwärmungen des Gelenks führen, bis hin zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen. Dazu können beispielsweise Gelenkentzündungen und Herzbeschwerden zählen. Fazit: Hyaluronsäure-Injektionen nützen nichts, sie können aber schaden.

Die zusammengefassten Studienergebnisse bei Patientinnen und Patienten mit Arthrose-Beschwerden im Knie zeigen zwar einen geringfügigen Unterschied zugunsten der Injektionen bei Schmerz und Funktion − dieser Unterschied ist aber so klein, dass er aus klinischer Sicht bedeutungslos ist und deshalb nicht als Nutzen gewertet werden kann. Bei den Hyaluronsäure-Injektionen in das Hüftgelenk ließ sich gar kein Unterschied gegenüber einer Scheinbehandlung zeigen.

Beachtlicher Studienpool zum Nutzen und Schaden von Hyaluronsäure-Spritzen bei Arthrose

Grundlage für diese Bewertung sind systematische Recherchen nach wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten zu Injektionen von Hyaluronsäure zur Behandlung von Arthrose-Beschwerden. Gesucht wurden Studien, die Injektionen zum einen in das Knie-, zum anderen in das Hüftgelenk untersucht haben – jeweils im Vergleich zu einer Scheinbehandlung (entweder eine Injektion ohne Wirkstoff oder eine nur vorgetäuschte Injektion) oder zu keiner Behandlung.

Zu Hyaluronsäure-Injektionen bei Kniegelenksarthrose existiert eine bemerkenswert umfangreiche wissenschaftliche Literatur. Die Bewertung beruht auf Analysen, in die Ergebnisse aus 25 randomisierten kontrollierten, methodisch überzeugenden Studien mit insgesamt 9.423 Patientinnen und Patienten eingeflossen sind. Weit über hundert weitere Studien wurden nicht in diese Analysen eingeschlossen, weil sie zu klein und damit anfällig für verzerrte Ergebnisse waren. Weniger umfangreich, aber ebenfalls solide, ist die Studienlage bei der Hüftarthrose. Hier liegen Ergebnisse aus fünf randomisierten Studien mit insgesamt 591 Patientinnen und Patienten vor.

Hyaluronsäure-Injektionen sollen die Gleitfähigkeit des Knorpels verbessern

Hyaluronsäure-Spritzen sollen die Folgen des Arthrose-bedingten Abbaus von Gelenkknorpel mildern, indem sie die fehlende Gelenkflüssigkeit durch Hyaluronsäure ersetzen. Damit soll die Gleitfähigkeit des Knorpels verbessert und so Schmerzen gelindert werden. Dafür wird das Präparat als sogenannte intraartikuläre Injektion direkt in das Gelenk gespritzt. Injektionen in Gelenke sind grundsätzlich heikel: Es besteht neben harmloseren Nebenwirkungen, wie zum Beispiel leichteren Schmerzen nach der Injektion, die Gefahr ernstzunehmender Infektionen im Gelenk. Die Behandlung muss daher unter sterilen Bedingungen erfolgen.

Zu Beginn der Behandlung kann die Einstichstelle mit einem Lokalanästhetikum örtlich betäubt werden. Anschließend wird das Hyaluronsäure-Präparat mithilfe einer sehr feinen Nadel in den Gelenkspalt gespritzt. Bei der Hüfte erfolgt die Injektion bildgesteuert, etwa unter Ultraschallkontrolle, um die Nadel präzise zu setzen. Je nach Präparat bleibt es bei einer einmaligen Behandlung, oder die Behandlung wird 3- bis 5-mal in wöchentlichen Abständen wiederholt. Mehrere Behandlungszyklen sind möglich; dazwischen sollen mindestens 6 Monate liegen. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen laut Beipackzettel gängiger Hyaluronsäure-Präparate Gelenkschwellungen, Ergüsse und Gelenkschmerzen. Wird Hyaluronsäure verwendet, die aus Hühnereiweiß gewonnen wurde, besteht außerdem ein erhöhtes Risiko für allergische Reaktionen.

Kosten von Hyaluronsäure-Injektionen

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen weder bei Knie- noch bei Hüftgelenksarthrose die Kosten für intraartikuläre Hyaluronsäure-Injektionen. Diese Spritzen sind selbst zu zahlende Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Die Kosten für Hyaluronsäure-Injektionen für einen Behandlungszyklus
liegen durchschnittlich zwischen etwa 220 und 300 Euro. Je nach verwendetem Hyaluronsäure-Präparat können die Kosten aber auch deutlich teurer ausfallen und 500 Euro oder mehr betragen.

Zur Bewertung der IGeL „Hyaluronsäure-Injektionen bei Kniegelenksarthrose“ im IGeL-Monitor.

Zur Bewertung der IGeL „Hyaluronsäure-Injektionen bei Hüftgelenksarthrose“ im IGeL-Monitor.

Hintergrund

Im gesunden Gelenk sorgen Gelenkknorpel und -flüssigkeit dafür, dass die Knochen nicht aneinander reiben. Verschiedene Stoffwechselprozesse in den Knorpelzellen halten die Gesundheit des Knorpels aufrecht. Schädigungen des Knorpels oder andere biologische „Stressfaktoren“ wie zum Beispiel kleine Verletzungen des Knorpels durch dauerhafte Überlastung bei der Arbeit, beim Sport oder auch wegen einer Fehlstellung können zu einem Ungleichgewicht im Stoffwechsel der Knorpelzellen führen.
Außerdem lässt die Fähigkeit zur Regeneration des Knorpels mit zunehmendem Alter nach. Wenn der Knorpel sich nicht mehr selbst regeneriert, kann das zu einem kontinuierlich fortschreitenden Knorpelverlust und schließlich zu einer Arthrose führen. Dabei verdichten und verhärten sich die Knochen unter dem schwindenden Knorpel immer mehr und es können sich kleine Auswüchse an den Rändern der Knochen bilden, sogenannte Osteophyten. In einem fortgeschrittenen Stadium ist der Knorpel so gut wie gar nicht mehr vorhanden und es reiben Knochen auf Knochen.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Vielzahl verschiedener Behandlungen, um vor allem Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Sie umfassen zum Beispiel die Beratung zu einer gesünderen Lebensweise mit regelmäßiger Bewegung sowie einer Gewichtsreduktion, sofern dies erforderlich ist; außerdem schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente, Krankengymnastik, Einlagen für Schuhe oder Akupunktur. Bei schwerer Arthrose kommt auch ein Gelenkersatz in Betracht. Eine Heilung ist bisher nicht möglich.

Man schätzt, dass in Deutschland etwa jede sechste Person zwischen 60 und 80 Jahren eine Kniegelenks- und jede zehnte Person eine Hüftgelenksarthrose hat. Bei Personen über 80 Jahren ist sogar jede vierte Person von Kniegelenks- und jede siebte Person von Hüftgelenksarthrose betroffen. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Dass Arthrose gleichzeitig sowohl in Knie- als auch in Hüftgelenken auftritt, kommt dagegen seltener vor, etwa bei 30 von 100 betroffenen Personen.

Unter www.igel-monitor.de erhalten Versicherte evidenzbasierte Bewertungen zu sogenannten Selbstzahlerleistungen. Der IGeL-Monitor wird vom Medizinischen Dienst Bund betrieben, der von den 15 Medizinischen Diensten in den Ländern getragen wird. Der Medizinische Dienst Bund koordiniert und fördert die fachliche Arbeit der Medizinischen Dienste und erlässt Richtlinien, um die Begutachtung und Beratung nach bundesweit einheitlichen Kriterien sicherzustellen.

Der IGeL-Monitor bietet evidenzbasierte Gesundheitsinformationen zu Selbstzahlerleistungen in der ärztlichen Praxis.
60 wissenschaftliche Bewertungen sind aktuell auf der Webseite abrufbar:

  • positiv 0
  • tendenziell positiv 3
  • unklar 26
  • tendenziell negativ 25
  • negativ 6

Zu weiteren sieben IGeL gibt es auf der Webseite eine ausführliche Information ohne eine Bewertung. Weitere zwei vom IGeL-Monitor bewertete Leistungen wurden zwischenzeitlich in den
GKV-Leistungskatalog aufgenommen.

Pressekontakt

Anne Rummer
Freie Journalistin
Redakteurin IGeL-Monitor
Mobil: 0176 84703576
E-Mail: presse@igel-monitor.de

Weitere Informationen

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